11.10.2012

Résumé de l'allocution tenue lors du jubilé de l'ouverture du Concile (Mons. Amédée Grab OSB)


11.10.2012

Mons. Peter Henrici SJ: Riassunto del discorso tenuto in tedesco (PDF disponibile) in occasione dell'apertura del Giubileo del Concilio


11.10.2012

Discorso (PDF) tenuto in occasione dell'apertura del Giubileo del Concilio


11.10.2012

Prononcée à l'occasion des 50 ans de l'ouverture du Concile (Mgr Norbert Brunner)


SBK-CES-CVS Conferenza dei vescovi svizzeri | 11.10.2012

Apertura del giubileo per i 50 anni del Concilio Vaticano II


Tutti i documenti

Comunicato stampa | 11.10.2012

Homélie

Prononcée à l'occasion des 50 ans de l'ouverture du Concile (Mgr Norbert Brunner)

Liebe Brüder und Schwestern im bischöflichen, priesterlichen, diakonalen und Ordensdienst, liebe Schwestern und Brüder

Wir können uns die Situation der Menschen, zu denen die 11 Jünger damals gesandt wurden, etwa so vorstellen: es gab Menschen, die Jesus gefolgt waren und ihm über seinen Tod hinaus treu blieben; es gab andere, die voller Zweifel und Trauer aufgegeben hatten, die aber aufgrund einer Begegnung mit dem auferstandenen Christus neuen Mut fassten; es gab jene, die ihn bereits zu seinen Lebzeiten definitiv verlassen hatten, weil sie seine „harte Rede nicht hören konnten“; es gab jene, die an die Verheissung des Alten Bundes glaubten und sich freudig auf die Ankunft des Messias vorbereitet hatten; und schliesslich gab es die Vielzahl derer, die darauf warteten, den Namen des unbekannten Gottes zu erfahren, den sie bereits anbeteten.

Ich würde die Behauptung wagen, dass die Jünger von heute zu Menschen gesandt sind, die in ähnlichen Situationen wie jene damals leben. Und dass auch die Jünger Jesu des 21. Jahrhunderts trotz ihrer Zweifel und Fragen den Auftrag erhalten, allen Menschen in welchen Lebensumständen auch immer „die Tür zum Glauben – porta fidei“ (Apg 14,27) an Gott und an seinen Christus zu öffnen.

Das Evangelium schildert uns menschliche Situationen, denen wir auch heute noch immer wieder begegnen.

Betrachten wir uns zuerst die Menschen, zu denen wir Jünger heute gesandt sind. Da ist die Gruppe derer, die zum Glauben gekommen sind, die ihren Glauben in der Gemeinschaft ihrer Familie und ihrer Pfarrei leben, die sich bei den Gebeten, Feiern und Arbeiten der Pfarrei einsetzen, also alle jene, die wir wohl als „praktizierende Katholiken“ bezeichnen. Die Worte des Apostels Paulus an die Korinther könnten auch unsere Worte an sie sein: „Ich erinnere euch, Brüder, an das Evangelium, das ich euch verkündet habe. Ihr habt es angenommen; es ist der Grund, auf dem ihr steht. Durch dieses Evangelium werdet ihr gerettet, wenn ihr an dem Wortlaut festhaltet, den ich euch verkündet habe.“ (1 Kor 15,1-2)

Andere sind durch die Taufe Mitglieder der Kirche geworden und haben die ersten Sakramente empfangen. Dann aber haben sie sich aus unterschiedlichen Gründen stillschweigend oder protestierend von der kirchlichen Gemeinschaft abgewandt. Der grosse Völkerapostel würde diesen vielleicht zurufen: „Ihr unvernünftigen Schweizer, wer hat euch verhext? Ist euch Jesus Christus nicht deutlich vor Augen gestellt worden? (...) Seid ihr so unvernünftig? Erst habt ihr den Geist empfangen, und jetzt erwartet ihr vom Fleisch die Vollendung.“ (Gal 3,1ff) Aber Paulus würde es nicht mit solchen Vorwürfen bewenden lassen, sondern um diese Menschen werben, und ihnen auch weiterhin den Glauben erschliessen.

Schliesslich begegnen wir auch bei uns mehr und mehr den Menschen, die „anderen Göttern“ dienen, den Gott leugnen oder ihn gar nicht kennen, den sie in ihrem Innersten suchen, der ihnen aber bisher unbekannt geblieben ist. Wir finden diese Menschen in den Aeropagen unserer Zeit, in den „Vorhöfen der Heiden“, auf den „parvis des gentils“. Wie Paulus sollen auch wir uns nicht entmutigen lassen, auch wenn diese Menschen uns nicht immer sofort aufnehmen, und die uns vielleicht „erst ein andermal hören“ wollen.

Aber eigentlich sind wir alle, Bischöfe, Priester, Diakone, Laien im kirchlichen Dienst, kurz alle Getaufte, gesendete und empfangende. Wer von Christus gesandt ist um zu verkünden, der hat zuerst von Christus empfangen. Er muss auf die Botschaft Christi hören, weil er nur dann „lehren kann zu befolgen, was Er ihm geboten hat“. Und wer gehört und die Botschaft angenommen hat, den drängt es, sie nicht nur in seinem Leben zu verwirklichen, sondern sie weiter zu geben. So ist jeder Gesandte Empfangender, und jeder Empfangende Gesandter. Mit einem Wort des verstorbenen Kardinals Carlo Maria Martini: „Evangelisierung bedeutet für mich, das Evangelium zu leben, und zwar so, dass es ansteckend wirkt.“

Denken wir trotzdem kurz nach über die Menschen, welche den Dienst der Verkündigung zu ihrer eigentlichen Sendung und Berufung gemacht haben, oder besser: die Christus dazu auserwählt und gesandt hat.

Dann gilt das „Geht zu allen Völkern“ zwar immer noch für alle Christen, aber in unterschiedlichen Aemtern. Die 11 Jünger und deren Nachfolger heute sind dann besonders betroffen vom Auftrag Christ: „Macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie, und lehrt sie alles befolgen, was ich euch geboten habe.“ (Mt 28,19) Wir Jünger, Bischöfe, Priester, Diakone und Laien in einem besonderen kirchlichen Dienst sollen dazu anhalten, dass die Menschen das befolgen, was Christus uns geboten hat.

Wir sind darum auch heute nicht gesandt, die Menschen zu lehren, was wir uns selber in unseren Vorstellungen ausdenken. Wir sind gesandt, zu verkünden, was Er, Christus uns geboten hat. Paulus schreibt seinem Freund Timotheus: „Sei den Gläubigen ein Vorbild in deinen Worten, in deinem Lebenswandel, in der Liebe, im Glauben, in der Lauterkeit. Lies ihnen eifrig aus der Schrift vor, ermahne und belehre sie ....“ (1 Tim 4,12-13)

Wir sind damit bei der Frage nach dem Inhalt der Verkündigung. Die Exegeten lehren uns, dass die letzten Sätze des Matthäus-Evangeliums der Schlüssel zum Verständnis des ganzen Evangeliums seien. Das ganze Evangelium mit der Bergpredigt als seinem „Herzstück“ ist hingeordnet auf den Sendungsauftrag Jesu,  ja ist der Inhalt dieses Auftrages. Der Auftrag diese Wahrheiten zu lehren ist so wichtig, dass Jesus ihn mit seiner Vollmacht begründet: „Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf der Erde.Darumgeht ...“ (Mt 28,19)

Jesus sagt damit nichts anderes als dass er selber Gesendeter und Sendender ist: „Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.“ (Joh 20,21) Und um zu sagen, dass seine eigene Sendung mit der Aussendung der 11 nicht aufhört, gibt er den Jüngern das Versprechen: „Seid gewiss, ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“ (Mt 28,20) Dieses letzte Wort des Evangeliums „ist die Vertrauen schaffende Zusage, dass die Gemeinde „Zukunft hat“, die sie selber gestalten muss und kann, weil der in ihrer Mitte ist, welcher die Hoffnung auf diese Zukunft erst ermöglicht und sie durch seine Anwesenheit garantiert“.

Im Evangelium nach Johannes formuliert der auferstandene Christus seinen Sendungsauftrag an die Jünger so: „Friede sei mit euch. Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.“ (Joh 20,21) In Nazareth hatte Jesus die Verheissung des Jesaia direkt auf sich bezogen: „Der Geist Gottes, des Herrn, ruht auf mir: denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt ...“ (Lk 4,18f) Damit hat Jesus nicht nur den Inhalt seines eigenen Sendungsauftrages umschrieben, sondern auch des Auftrages, den er seinen Jüngern weitergegeben hat, ja, den Auftrag, den er zusammen mit ihnen und mit ihrer Hilfe erfüllen will.

Das Herzstück dieses Auftrages ist, dass er „den Armen eine frohe Botschaft“ bringt. Konkret geschieht diese frohe Botschaft, in dem er die gebrochenen Herzen heilt, den Gefangenen Entlassung verkündet, den Gefesselten Befreiung, dass er also ein Gnadenjahr des Herrn ausruft, einen Tag der Vergeltung. Mit dieser Frohen Botschaft will er alle Trauernden trösten, ihnen Freude und Jubel in ihre Angst und Verzweiflung tragen.

Wenn wir berufen sind, wie Jesus und mit ihm diese Worte des Propheten zu den unseren zu machen, müssen wir uns zuerst fragen: wo sind die armen und gebrochenen Herzen, wo die Gefangenen und Gefesselten, wo die Trauernden und Verzweifelten? Diese Menschen begegnen uns überall.

Es sind Menschen, die innerlich verarmt sind, weil sie die Frohe Botschaft nie gehört oder sie vergessen haben; bei denen die Sorgen des täglichen Lebens so schwer drücken, und die Angst um den morgigen Tag so gross geworden ist, dass kein Platz mehr für andere Gedanken bleibt. Oder Menschen, die an einem schweren Schicksal, an einer unheilbaren Krankheit, an einem unermesslichen Leid zerbrochen sind. Wir finden Menschen, die in ihrem Egoismus, ihrem Wohlbefinden und ihrer Gleichgültigkeit gefangen sind, gefesselt an den Relativismus und die Konsumgüter, an das Geld und den Ueberfluss.

Wir dürfen in die Aengste einer solchen Welt die Freude der befreienden Botschaft der Liebe Gottes tragen. Wir dürfen gegen die Verzweiflung Zeugen der Hoffnung sein, die uns beseelt. Wenn wir das tun, dann verkünden wir nicht nur die Frohe Botschaft, sondern wir laden die uns Hörenden ein, selber Gefangene und Gefesselte zu befreien, Trauernden Trost und Verzweifelten neue Zuversicht zu geben. Und diese Verkündigung ist der Schlüssel, der die Türe des Glaubens öffnet.

Amen

Bischof Norbert Brunner